Ich erlebte ein Jahr, das mich in Bezug auf das Abschiednehmen extrem gefordert hat. Meine Mutter verstarb und folgte meinem Vater, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, musste verkauft werden und dann ging noch meine geliebte Hündin Gioia viel zu früh über die „Regenbogenbrücke“. Mit den Eltern verlor ich die Wurzeln, mit Gioia eine Gefährtin, die mich überallhin begleitet hatte. Und das Haus meiner Kindheit bot durch die Jahre einen Rückzugsort, in den ich mich in den stürmischen Zeiten des Lebens flüchten konnte. Nun waren mein Bruder und ich die einzigen, die von der Ursprungsfamilie übrigblieben. Nachdem auch Gioia gegangen ist, fühlte ich mich völlig verlassen. Ich weinte viel und fragte mich in dunklen Stunden, was ich hier eigentlich noch mache. Von der Umgebung kamen Ratschläge wie „Du musst jetzt positiv denken“, „Also du kannst doch nicht ewig trauern“, „Lass los und fang neu an“. Doch von einem Neubeginn konnte keine Rede sein. Die Depression klopfte an meine Tür und kam bedrohlich stetig näher.
Wie nimmt man Abschied?
Wie geht es Ihnen mit dem Abschiednehmen? Nicht immer ist dabei der Tod das Thema. Vielleicht wollen Sie schlechte Gewohnheiten, wie Rauchen, zu viel Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, schädliche Einstellungen, Ängste, Sorgen, bestimmte Situationen, aber auch gewisse Menschen, hinter sich lassen, damit das Leben wieder an Qualität gewinnt. Das ist meist sehr schwierig. Alte Muster sind tief und auch „giftige“ Beziehungen lösen sich nicht so einfach auf. Gerade hier kommt es oft zu großen Abhängigkeiten. Ebenso haben Ängste und Sorgen die unangenehme Eigenschaft, hartnäckig an uns zu kleben. Mit dem Älterwerden müssen wir uns von der Jugend verabschieden, mit Beginn der Pension vom Arbeitsprozess. Wenn die Kinder das Haus verlassen, ist genauso das Ende einer Lebensphase eingeläutet wie mit der zunehmenden Pflegebedürftigkeit der eigenen Eltern. Natürlich kann auch der Ausbruch einer schweren Erkrankung, die einen selbst oder nahestehende Menschen betrifft, den Abschied von einem Alltag, wie er bisher war, bedeuten. Es gibt den Abschied von Lebensträumen, wie der Geburt eines eigenen Kindes, den Erwerb eines Hauses, des Lebens als Künstler oder einer erfüllenden Partnerschaft.
Aber wie nimmt man Abschied? Und wie fängt man wieder neu an? Dafür gibt es leider kein Patenzrezept. Aber eine der schönsten Inspirationen findet sich meiner Meinung nach im Gedicht „Die Stufen“ von Hermann Hesse.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit und auch jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe, bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andere, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden… Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.
Hilfreiche Wegweiser
Wovon auch immer Sie Abschied nehmen müssen oder wollen, in welcher Form ein Neuanfang nötig oder erwünscht ist – es gibt ein paar Wegweiser, die Sie beachten sollten.
- LEBEN IST VERÄNDERUNG Es ist lohnend, sich einige grundlegende Gedanken über das Leben zu machen. Wie Hermann Hesse so schön schreibt – wir können nichts festhalten, denn das Wesen unseres irdischen Daseins ist nun einmal die Veränderung. Nichts, aber auch gar nichts, bleibt für immer oder gehört Ihnen für immer. Menschen kommen und gehen, werden geboren und sterben. Die beste Beziehung zu einem anderen wird eines Tages nicht mehr in der jetzigen Form existieren, die schönsten Ihrer Besitztümer können Sie nicht mitnehmen. Auch die attraktivsten Frauen werden alt und die mächtigsten Männer müssen ihre Macht einmal abgeben. Fragen Sie sich vor diesem Hintergrund daher immer wieder mal: Was ist mir wirklich wichtig? Welche Prioritäten habe ich? Was sind die Werte, nach denen ich leben möchte? Welche Art Mensch möchte ich sein? Gerade, wenn Ihr Leben sich aufgrund eines Abschieds neu ordnet, sind das bedeutende Fragen.
- DIE „GROSSEN DREI“ Auf der nächsten Hinweistafel für einen Neubeginn steht das Trio: Akzeptieren, Vertrauen, Loslassen. Akzeptieren Sie die Realität: Ein Hund wird bellen und wenn Sie darauf bestehen, dass er miauen soll, werden Sie in Schwierigkeiten kommen. Vertrauen in sich selbst und das Leben ist die beste Voraussetzung für einen Neustart. Sie wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden, aber gehen Sie einmal davon aus, dass sich alles zum Besten wendet. Und wenn nicht, vertrauen Sie darauf, dass Sie dann damit umgehen können. Loslassen ist unglaublich schwer, aber gerade dann, wenn es unmöglich scheint, das Einzige, was Sinn macht. Lassen Sie los – Sie wissen im Inneren ganz genau wen oder was. Und beherzigen Sie: „Was wirklich zu dir gehört, das kannst du nicht verlieren, und was nicht (mehr) zu dir gehört, das kannst du nicht festhalten“. Dazu gibt es auch den berühmten Spruch, den zu beherzigen oft hilfreich ist: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Am klügsten ist es natürlich, nicht nur in bestimmten Situationen, sondern ständig mit einer Haltung von Akzeptanz, Vertrauen und Loslassen zu leben. Das ist die Königsdisziplin an Weisheit und will geübt werden. Aber was kann Ihnen noch passieren, wenn Sie unter solchen Grundvoraussetzen den Herausforderungen des Lebens begegnen? Abschiede werden dennoch schmerzen und Neubeginne vielleicht trotzdem Angst machen. Aber nicht mehr so intensiv und nicht mehr so lange.
- HIER UND JETZT Der nächste Wegweiser ist das Leben im „Hier und Jetzt“. Egal, wie schön oder wie schmerzhaft ihre Vergangenheit war – sie ist vorbei. Die Zukunft kommt oder kommt nicht – und genaugenommen ist die erlebte Zukunft schon wieder das Jetzt. Wenn Sie also mit all Ihrer Energie und ihren Gedanken entweder in vergangenen Zeiten oder aber in künftigen Tagen leben, dann verpassen Sie den wertvollen gegenwärtigen Moment. Tatsächlich ist der jetzige Augenblick aber alles, was Sie jemals haben! Darum gehen Sie achtsam damit um.
Die besondere Form von Abschied
Ein wichtiger Mensch oder ein geliebtes Tier ist gestorben und damit für immer gegangen. Das Zusammensein, wie Sie es bisher kannten, ist zu Ende. Ein „Nie wieder“ zerreißt Ihnen fast das Herz und wirbelt Ihre Welt oft so durcheinander, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Nach dem ersten Schock, der namenslosen Verzweiflung oder einer Art Versteinerung können viele Gefühle auftreten: Ein Sinnlosigkeitsgefühl dem weiteren Leben gegenüber, Unfähigkeit, den Alltag normal zu bewältigen, heftige Tränenausbrüche bis hin zur Depression, Ängsten, Panikattacken, körperlichen Symptomen bzw. Schmerzen, Schlaflosigkeit, aber auch Wut. „Wie konntest du mich einfach verlassen? Wie soll ich ohne dich weiterleben?“ sind anklagende Fragen, die viele Betroffene bewegen. Es ist sehr wichtig, sich auch dieser Wut zu stellen.
Der Trauerprozess dauert bei verschiedenen Menschen unterschiedlich lang. Lassen Sie sich also von niemandem vorschreiben, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt zu Ende sein müsste. Aber suchen Sie professionelle Unterstützung, wenn Sie Hilfe brauchen. Und dann richten Sie Ihren Blick langsam wieder nach vorne. Denn dort wartet nun ein neues Leben auf Sie – ohne den geliebten Menschen oder Ihr Tier. Aber beide würden wollen, dass Sie nicht in Ihrer Trauer hängen bleiben, sondern mutig einen Neufang.
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